Geheimnisverrat

Manning zu 35 Jahren Haft verurteilt

Bradley Manning ist am Mittwoch zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Das Ergebnis des ersten großen Prozesses gegen einen "Whistleblower" stößt trotz stark gemildertem Strafmaß auf harte Kritik.

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Washington (AFP/dpa/red) - Das Militärgericht in Fort Meade verurteilte Manning am Mittwoch wegen der Weitergabe hunderttausender Geheimdokumente an die Enthüllungswebseite Wikileaks zu 35 Jahren Haft, außerdem wird der 25-jährige Soldat unehrenhaft aus der Armee entlassen. Seine Unterstützer sehen ihn weiter als Helden und hoffen auf eine Begnadigung durch Präsident Barack Obama - doch das ist unwahrscheinlich.

Manning könnte in knapp zehn Jahren freikommen

Im Vergleich zu dem, was Manning hätte drohen können, fiel das Strafmaß aber beinahe milde aus. Als der Obergefreite wegen Unterstützung von Feinden wie dem Terrornetzwerk Al-Kaida angeklagt wurde, hätte das theoretisch die Todesstrafe bedeuten können. Später begrenzte Militärrichterin Denise Lind die Höchststrafe auf 90 Jahre Haft, die Staatsanwaltschaft forderte am Montag schließlich mindestens 60 Jahre.

Die bisherige Zeit hinter Gittern soll auf Mannings Haftstrafe angerechnet werden. Nach einem Drittel der Strafe könnte er auf Bewährung freikommen - das wäre in etwa neun Jahren. Das Urteil geht außerdem automatisch vor ein Berufungsgerichts des Militärs, auch der Weg vor den Obersten Gerichtshof steht Manning und seinen Anwälten offen.

Manning lieferte unzählige Dokumente an Wikileaks

Die Militärpolizei hatte Manning im Mai 2010 auf einem US-Stützpunkt nahe Bagdad festgenommen. In den Monaten zuvor hatte der Spezialist für nachrichtendienstliche Analyse mehr als 700.000 Dokumente von Militärrechnern heruntergeladen. Dabei brachte er Datenbanken in seinen Besitz, in denen die täglichen Zwischenfälle der US-Einsätze im Irak und in Afghanistan aufgeführt wurden. Außerdem kopierte der Obergefreite Depeschen von US-Boschaften rund um den Globus sowie ein schockierendes Video, das den tödlichen Beschuss von Zivilisten durch US-Kampfhubschrauber zeigt.

Verraten wurde Manning von einem Hacker, mit dem er im Internet über Wikileaks geplaudert hatte. Zunächst saß er in Militärhaft in Kuwait, dann in einer Einzelzelle auf dem Stützpunkt Quantico in Virginia. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten gegen die Haftbedingungen verlegte ihn die Armee im Frühjahr 2011 in das Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas - dorthin wurde er nach der Verkündung des Strafmaßes wieder zurückgebracht.

Ein naiver Weltverbesserer?

Die meiste Zeit des langen Vorverfahrens in Fort Meade schwieg Manning. Ende Februar meldete er sich erstmals zu Wort und räumte die Weitergabe der Informationen ein. Damals erklärte der knabenhaft wirkende Soldat, er habe eine Debatte über "Außenpolitik und den Krieg allgemein" auslösen wollen.

Die Verteidigung stellte Manning als naiven jungen Mann dar, der die besten Absichten gehabt habe. Die Anwälte schilderten seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen im Bundesstaat Oklahoma, seine Außenseiterrolle als Computerfreak in der Schule und als Homosexueller in der Armee.

Die Staatswaltschaft hielt dagegen, dass Manning das Leben von Soldaten im Einsatz gefährdet habe. Ende Juli erklärte Richterin Lind den Obergefreiten schließlich in 20 von 22 Punkten für schuldig, darunter Spionage. Vom Vorwurf der Feindesunterstützung sprach sie ihn aber frei.

Manning ist für viele ein Held

Manning ist für seine Unterstützer ein Held, der ein Schlaglicht auf den oft kaschierten Alltag der US-Militäreinsätze geworfen hat. Sein Anwalt David Coombs plant, Obama um Gnade für Manning zu bitten.

Doch der US-Präsident ist dafür bekannt, kein Verständnis für die Weitergabe von geheimen Informationen zu haben. Das bekommt derzeit auch Edward Snowden zu spüren, der die Spähprogramme des Geheimdienstes NSA offenlegte. Weil Snowden Russland vorerst Asyl gewährt hat, bleibt ihm ein ähnliches Schicksal wie Manning zunächst erspart.

Verfahren gilt als Präzedenzfall

Das Verfahren in Fort Meade war der erste große Prozess gegen einen sogenannten Whistleblower in den USA und gilt als Präzedenzfall für weitere bekannte Enthüller, darunter Assange und Snowden. Der Reporter Glenn Greenwald, Snowdens journalistisches Sprachrohr, schrieb via Twitter, die USA würden fortan nicht mehr in der Lage sein, der Welt den Wert von Transparenz und Pressefreiheit zu predigen, ohne weltweites Gelächter zu befördern.

Wikileaks-Chef Julian Assange bezeichnete das Urteil als "wichtigen taktischen Sieg" für die Verteidigung. Statt nach 136 Jahren, wie von der Anklage angedroht, könne Manning nun schon nach wenigen Jahren wieder freikommen. Dennoch sei der Prozess ein "Angriff auf das grundlegende Konzept westlicher Justiz" gewesen, sagte Assange laut einer Mitteilung der Wikileaks-Website. Der Versuch der USA, den Fall zur Abschreckung zu nutzen, sei "spektakulär fehlgeschlagen".

Die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte das Strafmaß als unverhältnismäßig.

Quelle: AFP, DPA

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