Unter der Lupe

Als stünde das Nutzerprofil auf einem riesigen Plakat (Upd.)

Mit fiktiven Profilen hat Stiftung Warentest bei gängigen Portalen von SchülerVZ bis Xing untersucht, wie es um den Datenschutz in sozialen Netzwerken bestellt ist. Das Ergebnis ist erschreckend - auch dahingehend, wie wenig Kontrolle man über einmal erstellte Inhalte hat.

26.03.2010, 10:57 Uhr
Internetverbindung© Pavel Morozov / Fotolia.com

Berlin (afp/red) - "Mein Kollege Schmidt trinkt am Arbeitsplatz. Gleich nebenan steht der Beweis." Herr Schmidt traut seinen Augen nicht: Im Internet sieht er eine Nahaufnahme von sich mit einer Sektflasche, ein Foto von einer Geburtstagsfeier nach Dienstschluss. Er wendet sich entsetzt an den Anbieter der Seite und bittet, die Diffamierung zu löschen. Ein solches Szenario haben die Mitarbeiter von Stiftung Warentest in den vergangenen Wochen bei zehn sozialen Netzwerken durchgespielt und kamen zu einem erschreckenden Ergebnis: Herr Schmidt kann sich nicht wehren. Seine E-Mails blieben unbeantwortet.

Mit fiktiven Profilen hat Stiftung Warentest bei gängigen Netzwerken von SchülerVZ bis Xing untersucht, wie viel Einfluss Privatpersonen auf Inhalte nehmen können. Immerhin ist es inzwischen fast eine Selbstverständlichkeit, bei Facebook, Stayfriends oder LinkedIn angemeldet zu sein. Für Jugendliche ist es fast ein Muss, aber auch immer mehr Erwachsene haben sich registriert. Zu verführerisch ist es, alte Bekannte wiederzufinden oder sich mit Freunden in dieser modernen Form auszutauschen.

Nicht wenige nutzen die Netzwerke, um Dutzende von so genannten Freunden über ihre Aktivitäten am Wochenende aufzuklären. Partys werden mit zahlreichen Fotos bebildert. Dies werden dann im Zweifelsfall auch vom potenziellen Arbeitgeber angeklickt, der sich dann möglicherweise für einen anderen Bewerber entscheidet.

Zu größter Vorsicht mahnen deshalb am Donnerstag in Berlin die Vertreter von Stiftung Warentest. "Überlegen Sie genau, ob die Informationen wirklich für die breite Öffentlichkeit sichtbar sein sollen", sagt Holger Brackemann, Bereichsleiter Untersuchungen bei der Stiftung und fügt plastisch hinzu: "Wären Sie einverstanden, wenn das, was Sie sichtbar in ein Netzwerk einstellen, auf einem Plakat gegenüber Ihrer Wohnung abgedruckt wäre?"

Die Kontrolle über das, was auf der Seite erscheint und was nicht, wird dem Nutzer nicht leicht gemacht. Facebook hatte laut Brackemann früher ein System, wo beim Anmelden Fragen, ob zum Beispiel Alter oder Wohnort gezeigt werden sollen, positiv beantwortet werden mussten. Inzwischen hat das weltweit operierende Netzwerk umgestellt und der Nutzer muss mühsam löschen, was er nicht präsentiert sehen will.

Für bedenklicher noch halten die Tester den Umgang einiger Netzwerke mit den Daten. Besonders bei den US-Anbietern Myspace und Facebook werden die Angaben zur Person an Dritte weitergegeben, ohne dass der Nutzer dies verhindern kann. Brackemann wollte auch testen, wie leicht Profile geknackt werden können und erbat deshalb von den Netzwerken die Erlaubnis, als "Hacker" sein Glück zu versuchen. Myspace, Facebook und LinkedIn sagten "nein", was die Stiftung Warentest bewog, ihnen ein "mangelhaft" in Sachen Datensicherheit zu erteilen.

Beim Test der verbleibenden Netzwerke wurde deutlich, dass besonders die Nutzung vom Handy aus Risiken birgt. Wer im Café schnell bei wer-kennt-wen oder anderen Portalen nachgucken möchte, ob er eine neue Nachricht hat, riskiert, dass seine Daten abgefischt werden. Betrügern ist mit dem Zugriff auf das Benutzerkonto der erste Schritt zum Diebstahl der Identität gelungen.

Hier muss nachgebessert werden, fordern die Prüfer von Stiftung Warentest. Hubertus Primus, Bereichsleiter Publikationen, verlangt eine Stärkung des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. "Ihm sollte eine Verbandsklage eingeräumt werden, um die Rechte für den einzelnen Nutzer bei den großen Netzwerken einzuklagen", sagt er. Privatpersonen seien damit überfordert.

Ihnen bleibt nur der bewusste Umgang mit dem Netz. Denn was einmal eingegeben wurde, bleibt oft auch nach dem Löschen im virtuellen Gedächtnis erhalten. "Das Internet vergisst nichts", mahnt Primus.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Jappy der Stiftung Warentest die Einwilligung zur Sicherheitsprüfung nicht erteilt hat. Diese Information der Nachrichtenagentur AFP ist nicht richtig. Richtig ist, dass Jappy der Stiftung Warentest die Einwilligung zur Sicherheitsprüfung erteilt hat.

Zum Seitenanfang
Der BT-Navigator
Quicklinks