Billigvorwahl

Über fünf Millionen Bundesbürger nutzen noch Call-by-Call und Preselection

Festnetz-Telefonie per Call-by-Call und Preselection findet in Deutschland noch zahlreiche - meist ältere - Anhänger. Doch die Sparvorwahlen sind in Gefahr: Die EU-Kommission prüft derzeit ein mögliches Aus von CbC und Preselection. Branchenexperten sprachen sich bei einer Panelveranstaltung in Köln für einen Fortbestand von Call-by-Call aus.

CbC-Panel Köln 2015In einer Panelveranstaltung in Köln diskutierten Branchenexperten über die Folgen eines Wegfalls von Call-by-Call und Preselection.© i12 GmbH

Köln - 1998 fiel der Startschuss für die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes in Deutschland. Als Folge drängten neue Anbieter wie Tele2 auf den deutschen Markt, die Telefongespräche per Call-by-Call (CbC) bzw. Preselection wesentlich günstiger anboten als etwa der ehemalige Monopolist, die Deutsche Telekom. Seitdem sind 17 Jahre vergangen, der Telekommunikationsmarkt hierzulande hat sich erheblich gewandelt. Flatrates sind weit verbreitet, nicht nur im Festnetz, sondern auch im Mobilfunksektor. Die EU-Kommission in Brüssel prüft derzeit, ob CbC und Preselection überhaupt noch benötigt werden. Im Rahmen einer Paneldiskussion in Köln diskutierten am Mittwoch Vertreter von betroffenen Unternehmen sowie von Wissenschaft, Bundesnetzagentur und Politik über den Status Quo von Call-by-Call und gaben einen Ausblick auf mögliche Folgen bei einem Wegfall der günstigen Telefoniemöglichkeiten. Zu der Veranstaltung eingeladen hatten die CbC-Anbieter 010012 Telecom, 01051 Telecom, 3U Telecom, Callax, Star Com, Tele2 und Ventelo.

Über zwölf Prozent der deutschen Haushalte nutzen CbC/Preselection

CbC-Panel Köln 2015Professor Torsten J. Gerpott und Professor Peter Winzer informierten in Köln über den Status Quo des CbC/Preselection-Marktes in Deutschland.© i12 GmbH

Wer nutzt denn heutzutage überhaupt noch CbC und Preselection? Diese Frage wird sich sicherlich insbesondere manch jüngerer Leser stellen. Nach Angaben des Branchenexperten Professor Torsten J. Gerpott (Universität Duisburg-Essen), der eine Studie von Dialog Consult vorstellte, haben 2014 mehr als fünf Millionen Privathaushalte CbC und Preselection genutzt. Das entspricht über zwölf Prozent der rund 40 Millionen deutschen Haushalte. Allerdings können in der Regel ohnehin nur die 20,5 Millionen Festnetzkunden der Telekom auf Call-by-Call-Angebote der diversen Anbieter zugreifen.

84 Prozent der oben genannten 5,1 Millionen Haushalte nutzten im vergangenen Jahr CbC, 16 Prozent hatten eine feste Billig-Vorwahl per Preselection eingerichtet. Eingesetzt wird CbC und Preselection vor allem von Telekomkunden ohne Flatrate, in den Jahren 2012 bis 2014 lag der Anteil der entsprechenden Haushalte jeweils bei etwa 62 bis 63 Prozent. Über CbC/Preselection wurden 2014 rund acht Milliarden Sprachminuten telefoniert. Während die Anzahl der Verbindungsminuten in das deutsche Festnetz und die deutschen Handynetze in den vergangenen Jahren leicht abnahm, erhöhte sich dagegen die Zahl der Verbindungsminuten per CbC/Preselection in ausländische Netze um durchschnittlich 4,2 Prozent pro Jahr.

Große Einsparmöglichkeiten dank CbC und Preselection

Das entscheidende Kriterium für die Nutzung von CbC/Preselection bleibt auch fast zwei Jahrzehnte nach der Marktliberalisierung der Preis. Laut der Studie von Dialog Consult zahlten Kunden im April 2015 bei der Deutschen Telekom für Telefonate in die wichtigsten Länder außerhalb Deutschlands bzw. in deutsche Mobilfunknetze durchschnittlich das 5,8-fache bzw. 10,1-fache der fünf günstigsten CbC-Tarife. Gegenüber der Telekom ließen sich mit CbC im Schnitt Preiseinsparungen von 83 bzw. 90 Prozent erzielen. Alternative Anbieter wie Vodafone, Unitymedia oder 1&1 sind bei Telefonaten in die wichtigsten Länder außerhalb Deutschlands sowie in die deutschen Mobilfunknetze meist sogar noch teurer als die Telekom. Die Telekom werde durch die niedrigen CbC-Preise "diszipliniert".

Insbesondere bei Telefonaten in exotische Länder wie Thailand oder Peru ergeben sich riesige Einsparpotentiale für die Kunden. Die Telekom war hier bis zu 235-mal teurer, die alternativen Telefonanbieter verlangten sogar bis 357-mal höhere Preise. Was würde passieren, wenn CbC/Preselection wegfallen würde? Die heutigen Nutzer müssten dann die teureren Telekom-Tarife nutzen. Bisherige CbC/Preselection-Nutzer würden jährlich zwischen 600 und 780 Millionen Euro mehr für die Telefonate bezahlen müssen. Da die Telekom durch den dann wegfallenden und disziplinierend wirkenden Wettbewerb mit Sicherheit an der Preisschraube drehen würde, könnte sich der tatsächliche wirtschaftliche Nachteil für Privathaushalte auf rund 1 Milliarde Euro pro Jahr summieren.

Durchschnittsalter der CbC/Preselection-Nutzer liegt bei 72 Jahren

Und es würde ausgerechnet Haushalte treffen, die wirtschaftlich meist eh nicht sonderlich gut da stehen. Denn auch die Zielgruppe wurde auf der Veranstaltung in Köln beleuchtet. Ausgewertet wurden dazu Daten von rund 150.000-Preselection-Nutzern. Demnach liegt das Durchschnittsalter der CbC/Preselection-Nutzer bei 72 Jahren. Über 99 Prozent der Nutzer sind älter als 30 Jahre. Die jüngere Generation hat somit angesichts von WhatsApp, Skype und Co keinerlei Bezug zu CbC. Knapp 40 Prozent der CbC/Preselection-Anwender gehören der Unterschicht bzw. unteren Mittelschicht an. Auch der Anteil der Nutzer mit Migrationshintergrund ist bei den CbC/Preselection-Kunden hoch, da diese oft Kontakt zu Familie und Freunden im Herkunftsland halten. Die Nutzerschaft hat zudem meist keinen Bedarf an Internetnutzung, 95 Prozent der Preselection-Kunden seien nicht per E-Mail erreichbar. Viele Kunden vertrauten seit Jahren auf die ihnen bekannten CbC/Preselection-Anbieter. Ohne Call-by-Call würde vielen der meist älteren Nutzer ihre Kommunikationsmöglichkeit entzogen. Für Rentner würde ein Wegfall dieser Telefoniemöglichkeit einen starken finanziellen Einschnitt bedeuten.

Skype, WhatsApp oder Kabelnetzbetreiber keine Alternative zu CbC/Preselection

Alternativen gibt es für die derzeitigen CbC/Preselection-Nutzer nur unzureichend. Skype und Co sind nicht geeignet, da die Zielgruppe nicht internetaffin ist. Hier sind zudem noch Fragen zum Datenschutz nicht gänzlich geklärt. Alternative Anbieter wie Vodafone oder Unitymedia fokussieren sich vor allem auf den Massenmarkt. HD-TV und schnelles Internet wird von vielen Kunden nachgefragt, CbC/Preselection ist eher weniger ein Thema für diese Anbieter.

Bundesnetzagentur muss deutschen CbC/Preselection-Markt analysieren

Dies alles wird die Bundesnetzagentur bei ihrer Analyse des deutschen Marktes berücksichtigen müssen. In Brüssel blickt die EU-Kommission eher weniger auf einzelne nationale Märkte, hierfür sind stattdessen die nationalen Regulierungsbehörden zuständig. WIK-Geschäftsführerin Iris Henseler-Unger, ehemalige Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, sieht denn bei einem Wegfall von CbC/Preselection "negative Folgen für den Wettbewerb auf Endkundenmärkten für Sprachtelefondienste". Call-by-Call bleibe mit einer Nutzung von über zehn Prozent der deutschen Haushalte weiterhin relevant.

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