Äthiopien

Statt in die Schule lernen mit dem Tablet

40 äthiopische Kinder lernen in einem Forschungsprojekt lesen und schreiben. Dafür wurden sie mit Tablet-PCs zum Lernen ausgestattet. Die nächste Schule liegt zwei Stunden Fußmarsch entfernt.

Touchscreen© bloomua / Fotolia.com

Addis Abeba/Wonchi (dpa/red) - Laptops und Tablet-Computer gehören in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba mittlerweile zum Alltag wie in jeder anderen Metropole. In fast allen Cafés sitzen Leute, die E-Mails schreiben und im Internet surfen. Zweieinhalb Stunden Autofahrt in Richtung Westen und einen Fußmarsch später wirkt der Anblick von hochmodernen Lern-Tablets hingegen wie aus einer anderen Welt. Denn in dem Dorf Wonchi am Kraterrand des gleichnamigen erloschenen Vulkans gibt es weder Strom noch fließendes Wasser.

Lesen lernen mit dem Tablet

Abebech's Finger streifen über den Bildschirm ihres staubigen Tablets in brauner Lederhülle. Viele Buchstaben sind dort scheinbar wirr durcheinander gewürfelt und die Aufgabe der Neunjährigen ist es, einzelne englische Worte mit ihrem Finger zu markieren. Schnell findet sie "cat" (Katze), "dog" (Hund) und "brother" (Bruder). Prompt lobt der Computer sie mit einem freudigen "awesome" (großartig). Stolz erzählt Abebech: "Ich habe das Tablet immer bei mir - zu Hause und auch wenn ich mit den Tieren draußen bin." Denn um der armen Familie zu helfen, muss sie regelmäßig Kühe und Schafe hüten.

Forschungsprojekt des MIT

Das Mädchen ist eines von 40 Kindern, die im Februar 2012 ein Lern-Tablet bekommen haben. Die Hälfte von ihnen lebt in Wonchi, die andere in einem kleinen Dorf unweit der Stadt Wolenchite. Keines von ihnen hatte jemals eine Schule besucht. Die Analphabetenrate in Wonchi lag bei fast 100 Prozent. Über zwei Jahre wollten Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology (MIT), der Tufts Universität bei Boston und der Universität von Georgia herausfinden, was passiert, wenn Kinder ohne weitere Erklärungen oder Hilfestellungen ein Werkzeug mit Lese-Lernprogrammen bereitgestellt bekommen.

Strom für Tablets kommt von der Sonne

Das Ergebnis hat auch die Forscher erstaunt: In Windeseile begriffen die Schüler im Alter von vier bis zehn Jahren nicht nur, wie die Tablets ein- und ausgeschaltet werden, sondern auch, was es mit den darauf geladenen "Apps" auf sich hat. Die meisten der Teilnehmer beherrschen mittlerweile das englische Alphabet und können Worte schreiben und lesen. Der nötige Strom, um die Computer aufzuladen, wird mit Hilfe von Solarenergie erzeugt.

Einmal pro Woche kommt der äthiopische Projektmanager Michael Girma in den Ort, um die Daten der Chips auf den Tablets zu sammeln und zur Auswertung in die USA zu schicken. Dort können die Wissenschaftler dann genau nachverfolgen, welche Apps wie oft geöffnet und welche Lernerfolge erzielt wurden.

Schwierige Bedingungen für Schulkinder

"Um Lesen und Schreiben zu lehren, muss man normalerweise eine Schule bauen und einen Lehrer anstellen", erklärt der 29 Jahre alte IT-Experte Girma, der in Addis Abeba und Helsinki Informatik studiert hat. "Aber in vielen schwer erreichbaren Gegenden der Welt ist das einfach nicht möglich." Er betrachtet die Lern-Tablets deshalb als vielversprechende Bildungsmöglichkeit für die Zukunft. Die Lernerfolge seiner Schützlinge geben ihm Recht.

Wie soll es weitergehen?

Auch Maryanne Wolf, eine der führenden Neurowissenschaftlerinnen von der amerikanischen Tufts Universität, ist begeistert von den Fortschritten der Englisch-Schüler. "Wir glauben, dass die Kinder, wenn sie eine grundlegende Lesefähigkeit erreicht haben, sich auch alles andere beibringen und ihr Wissen stark erweitern können." Jedoch gibt es auch einen Wermutstropfen: Denn das Lernprojekt geht in wenigen Monaten zu Ende. Bisher steht noch nicht fest, wie die Schulbildung für die Jugend am Kratersee dann weitergehen soll.

Der Wunsch, auch weiterhin zu lernen, ist jedenfalls bei allen Beteiligten groß - doch die nächste Grundschule befindet sich einen zweistündigen Fußmarsch entfernt. Die kleine Abebech hat, angespornt durch ihren eigenen Wissenshunger, aber schon ein Berufsziel vor Augen: "Ich würde gerne Lehrerin werden und andere Kinder hier in Wonchi unterrichten", sagt sie und schaut wieder auf ihr Tablet.

Quelle: DPA

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