Forschung

Was mitgehörte Handygespräche so nervig macht

Wer Auto fährt, sollte nicht nur selbst die Finger vom Handy lassen, sondern auch seinem Beifahrer das Telefonieren verbieten. US-Forscher haben jetzt nämlich herausgefunden, dass mitgehörte Handygespräche extrem nerven können - und warum das so ist.

20.09.2010, 10:35 Uhr
Handygespräch© M Rido / Fotolia.com

Ithaca (dapd/red) - Ein mitgehörtes Handygespräch irritiert das Gehirn nämlich so sehr, dass es einen beachtlichen Teil seiner Aufmerksamkeitskapazität vom Fahren abzieht und auf das Gespräch lenkt, wie US-Psychologen jetzt gezeigt haben. Der Grund dafür ist die Unberechenbarkeit des "Halbalogs", wie die Forscher derartige halb gehörte Gespräche nennen: Da die eine Hälfte der Konversation im Verborgenen bleibt, lässt sich nicht vorhersagen, was oder wann der andere antwortet. Genau diesen Zustand der Ungewissheit will das Gehirn jedoch unbedingt vermeiden - ein Prinzip, das sich vermutlich in der Frühzeit der Menschen entwickelte, um plötzliche Gefahrensituationen zu vermeiden, wie die Wissenschaftler um Lauren Emberson von der Cornell-Universität in Ithaca erläutern. Sie stellen ihre Arbeit im Fachblatt "Psychological Science" vor (doi: 10.1177/0956797610382126).

So wurde untersucht

Wer sich unter Menschen begibt, ist ständig von Gesprächsfetzen, mitgehörten Dialogen, Ansagen und anderen Sprachformen umgeben. Trotzdem sind es fast ausschließlich Handy-Gespräche am Nebentisch oder in der S-Bahn, die als nervtötend empfunden werden. Emberson und ihre Kollegen stellten daher an den Anfang ihrer Arbeit die Frage: Was ist an solchen Gesprächen anders als an anderen mitgehörten Kommunikationsformen wie Mono- oder Dialogen? Um das zu testen, ließen sie jeweils zwei Freiwillige ein Telefongespräch miteinander führen und baten anschließend jeden Gesprächsteilnehmer, den Inhalt zusammenzufassen. Die Aufzeichnungen dieser Gespräche spielten sie dann einigen Testpersonen vor, die dabei waren, Aufgaben am Computer zu lösen - beispielsweise einen sich bewegenden Punkt mit dem Cursor zu verfolgen oder einzelne Buchstaben im Gedächtnis zu behalten. Dabei gab es drei Varianten: Die Probanden hörten das gesamte Telefongespräch, also einen Dialog, nur einen der Sprechenden - den "Halbalog" - oder die Zusammenfassung eines der Gesprächsteilnehmer, einen typischen Monolog.

Weder der Dialog noch der Monolog beeinträchtigten den Erfolg bei den gestellten Aufgaben, wie die Auswertung zeigte. Der Halbalog dagegen ließ die Probanden messbar schlechter abschneiden. Das lag jedoch nicht an den unterschiedlichen akustischen Eigenschaften der Gespräche, also der Tatsache, dass beim Halbalog nur in der Hälfte der Zeit Sprache zu hören war, während bei den anderen beiden Varianten nahezu ständig gesprochen wurde.

Das Gehirn kennt keine Halbaloge

Das Gehirn wird laut den Forschern vielmehr durch das Fehlen bestimmter Reize alarmiert, die für das Verfolgen eines Gesprächs unabdingbar sind - etwa die Stimmlage des Gesprächspartners, seine Wortwahl und ähnliches. Dadurch entsteht eine unberechenbare Situation, der das Gehirn sofort einen großen Teil seiner begrenzten Aufmerksamkeitsressourcen widmet. Diese fehlen dann wiederum für die Tätigkeiten, die man gerade ausführt. Vor allem beim Autofahren kann das problematisch werden, sagen die Psychologen - das habe sich in den Tests klar gezeigt, da diese so entworfen waren, dass sie die Aufmerksamkeitsverteilung beim Fahren simulierten. Die Umstellung der kognitiven Systeme sei jedoch sehr grundlegend, die Halbaloge könnten daher auch in vielen anderen Gebieten zu einem Aufmerksamkeitsdefizit führen.

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